Das 59. Schifffahrtsessen: Containerverkehr als Zugkraft Wilhelmshavens

BLG-Chef Frank Dreeke: Bewerbung als LNG-Standort richtig

 

Wilhelmshaven/RB - Erstmals im schönen maritimen Ambiente des Atlantic Hotels versammelte der Nautische Verein Wilhelmshaven-Jade seine Mitglieder und Gäste zum traditionellen Schifffahrtsessen. Der 1. Vorsitzende Dietmar Janssen konnte dazu etwa 170 Teilnehmer begrüßen. Bürgermeisterin Ursula Glaser bekundete im Grußwort ihre Freude über die hafenwirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschlands Tiefwasserhafen, die im internationalen Güterverkehr gedeihen und als Wohlfahrt den Menschen zugute kommen, wenn sie zugleich auch in einem am Wattenmeer gelegenen wertvollen Lebensraum empfangen werden.

 

Festredner war der Vorstandsvorsitzende der Bremer Logistics Group (BLG) Frank Dreeke. Die BLG ist über die EUROGATE treibende Kraft der positiven Umschlag-Entwicklung im Container Terminal Wilhelmshaven (CTW) im JadeWeserPort, die in den letzten Jahren prozentual zweistellige Zuwächse aufweise. Die BLG werde den CTW weiter ausbauen, wozu auch ein Pilotprojekt mit vollautomatischen Van-Carriern gehöre. In Hinblick auf die Umrüstung mit umweltschonenderen Kraftstoffen für die Schifffahrt wie Flüssigerdgas (LNG) bezeichnete Frank Dreeke den Wilhelmshavener Hafen als sehr geeignet für LNG-Terminals.

 

Die Kapitänsrede, die der Kommandant der Fregatte "Sachsen" Fregattenkapitän Mirco Wilcken hielt, behandelte die schwierigen Einsätze seiner Schiffsbesatzung bei der Rettung von Flüchtlingen aus kleinen Schlauchbooten im Mittelmeer - ein nachdenklich stimmender Beitrag während dieses ansonsten von Optimismus und fröhlicher Geselligkeit gekennzeichneten 59. Schifffahrtsessens.


Pressebericht Schifffahrtsessen 2016


Schifffahrtsessen 2015

 

Reeder Alfred Hartmann: Deutsche Seeschifffahrt muss Wettbewerb bestehen können


Inka von Puttkamer hielt beim Schifffahrtsessen des Nautischen Vereins die Kapitänsrede


Das traditionelle Schifffahrtsessen des Nautischen Vereins Wilhelmshaven-Jade  wurde wiederum im maritim geschmückten Saal des Gorch-Fock-Hauses begangen. Wie immer gab es unter musikalischer Begleitung schon beim Empfang im Foyer Gelegenheit zu Gesprächen unter den etwa 200 Teilnehmern aus Schifffahrt, Politik und Wirtschaft.
Der Vorsitzende des Nautischen Vereins Konteradmiral a.D. Gottfried Hoch unterstrich bei seiner Begrüßung diese vielfältigen Möglichkeiten des Vereins, als Informationsbasis solch einen Gesprächsaustausch nutzen zu können. Oberbürgermeister Andreas Wagner zog in seinem Grußwort eine Parallele zwischen der weltweiten Mobilität der Schifffahrt und der Migration als zwei Seiten einer Medaille und bedankte sich bei der Marine für ihre humanitären Einsätze wie bei der Bevölkerung für deren Hilfe zur Bewältigung der aktuellen Flüchtlingsproblematik.
Den Festvortrag hielt der Präsident des Verbands Deutscher Reeder (VDR), der Leeraner Reeder Alfred Hartmann. Als Eigner eine großen Flotte von Containerschiffen, Gastankern, Mehrzweckfrachtern und Bulkcarriern waren seine Bewertungen zur Entwicklung der weltweiten Seefahrt  kenntnisreich und mit eindringlichen Forderungen für die deutsche Seeschifffahrt verbunden. Zur Stärkung des Wettbewerbsstandortes Deutschland gehörten verbesserte Beschäftigungsbedingungen für deutsche Seeleute ebenso wie ein effizienteres know-how an Bord und an Land. Im Vergleich zur staatlichen Förderung der Luft- und Raumfahrt werde die maritime Wirtschaft viel geringer gefördert. Dabei sei die Schifffahrt angesichts des steigenden internationalen Warenverkehrs eine wesentliche Wachstumsbranche, der mit innovativem Konstruktionsdesign entsprochen werden müsse, denn die Branche sei als der umweltschonendste Güterverkehrsträger unterwegs. Im Hinblick auf den JadeWeserPort war Hartmanns Hinweis auf den kanadischen Prince Rupert Containerterminal interessant, wo in verkehrsgünstiger Lage am Pazifik eine prosperierende Entwicklung eingetreten sei mit enormer Wertschöpfung auch für den kommunalen Haushalt. Alfred Hartmann sieht auch in einer Ertüchtigung des Ems-Jade-Kanals für die Container transportierende Binnenschifffahrt eine erfolgversprechende Infrastrukturmaßnahme.
Korvettenkapitän Inka von Puttkamer erreichte mit ihrer Ansprache gleichfalls die Aufmerksamkeit der Festversammlung. Als 31jähriger Kommandant des Minenjagdbootes "Homburg" ist sie für eine 40köpfige Crew verantwortlich und hat schon schwierige Seefahrtstage bestanden. Inka von Puttkamer ging in ihren Betrachtungen auch auf das Verhältnis von Frauen zur Seefahrt ein, wobei sie auch die Bedeutung berühmter Piratinnen hervorhob.  In Wilhelmshaven geboren und aus einer Marine-Familie stammend, war Inka von Puttkamers Ansprache eine Premiere: Als eine der ersten beiden weiblichen Kommandanten der Deutschen Marine hielt sie als erste Frau eine Kapitänsrede beim Schifffahrtsessen.
Ausgezeichnet mit dem Förderpreis des Nautischen Vereins wurde Maurice Wiercioch, der sich im dualen Studiengang Mechatronik Fachrichtung Meerestechnik qualifiziert hat. Der glückliche Empfänger bedankte sich für diese sein weiteres Master-Studium fördernde Anerkennung.
Um auch im nächsten Jahr einen Förderpreis ausloben zu können wurden die Mitglieder und Gäste wieder um eine Spende gebeten: die Sammlung erbrachte 1688,89 € und 10 englische Pfund. Der Vereinsvorsitzende Gottfried Hoch hatte zur Einstimmung in das eigentliche Schifffahrtsessen auf das Rezept des Curry-Gerichtes nach Art der Kaiserliche Marine verwiesen, wie es Louise von Krohn in ihren Erinnerungen aus den Anfängen Wilhelmshavens überliefert hat. Hierbei werden zahlreiche Zutaten zu Huhn und Reis gereicht, welche im Austausch unter den Gästen an den runden Tischen die Kommunikation zusätzlich zu den Gesprächen beleben.


Rainer Beckershaus


Kapitänsrede anlässlich des Schifffahrtsessens 2015 des Nautischen Vereins Wilhelmshaven-Jade e.V. am 06.11.2015

 

>ANREDE<,

ich freue mich sehr, heute Abend in meiner Heimatstadt zu Ihnen sprechen zu dürfen und bedanke mich für die Einladung.

Als ich ein kleines Mädchen war, wurde ich oft gefragt: „Und – was möchtest Du mal werden?“

Als Tochter eines Marineoffiziers hatte ich schon einige Fahrten bei der Marine gemacht, also antwortete ich immer mit Überzeugung: „Das, was Papa macht!“

Damals wurde ich für diese „niedliche Antwort“ belächelt....

und darüberhinaus –

weiß jeder hier im Saal, weiß jeder Seemann, jeder Fachmann oder Wissenschaftler :  „Frauen an Bord bringen Unglück!“

Letzteres läßt sich auch –zumindest teilweise – geschichtlich gut belegen: Oder kennen Sie nicht Frau Shang, Missi Tity oder Anne Bonny, um nur die berühmtesten Piratinnen der Weltgeschichte zu nennen? Vor ihnen zitterte die Seefahrt und damit die Welt.

Ich zitiere:

„Am roten Fluß im Gau Kiang

mit tausend Dschunken lag Frau Shang

samt ihrer gelben Meute

auf dem Kiwief nach Beute.“

Aber auch Mary Read, neben Anne Bonny eine Freundin von dem als „Calico Jack“ bekannten John Rackham, ist bereits eine bekannte Freibeuterin. Sie sehen: Alles berühmte SeeFRAUEN der Geschichte.

Ob nun „Piratin“ oder „Kommandantin“, letztlich ist das nur eine Definitionssache.

Mein Vorredner – Herr Hartmann - kann aber ganz beruhigt sein, die Deutsche Marine hält Ihre „Piratinnen“ .... pardon: „Kommandantinnen“ bislang zurück. Sie und Ihre Schiffe haben nichts zu befürchten.

Ob nun Frauen an Bord von Schiffen der Deutschen Marine Unglück bringen, ist NOCH nicht bewiesen.  Bewiesen ist allerdings, dass die Deutsche Marine OHNE uns große Schwierigkeiten hätte.

Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Jahre 2000 ist es Frauen erlaubt, in der Bundeswehr, in der Marine zu dienen. Heute sind ungefähr 10,5 % aller Soldaten Frauen. Es sollen einmal 15% werden. Wir Frauen sind also schon rein statistisch auf dem Vormarsch.

Ich bin stolz und glücklich, in der Marine meine berufliche Heimat gefunden zu haben. Nun verstehe ich die Liebe meines Vaters zu seinem Beruf. Mit und durch die Marine sah ich fast alle Kontinente dieser Welt – von Wilhelmshaven bis Seoul, von Kapstadt bis Singapur und Tokyo oder von Neustadt nach Warnemünde – fast alles war dabei und  heute... nehme ich meinen Vater mit auf See.

Ich habe wie alle den Beruf von der Piecke auf gelernt und mir wurde nichts erspart, nur weil ich eine Frau bin. Einmal Kommandantin zu werden, war natürlich mein Traum.

Und ich erlebe diese Zeit ganz bewußt. Es ist das großartigste an beruflicher Erfüllung und die größte Verantwortung, die man als Marineoffizier tragen kann.

Mit 31 Jahren „ Herr“ – pardon – „Dame“ über ein Boot im Wert von vielen Millionen Euro und vor allem 40 Menschenleben zu werden  – und das ist bitterernst gemeint - ist eine schwere Last. Dazu kommt, dass wir heute vielfach nicht mehr im Geschwader fahren, sondern oft rund Europa allein in See sind. Gott sei Dank ist es noch nie zum Waffeneinsatz gekommen.

Mache ich hierbei manche Dinge anders, als meine männlichen Kameraden? Natürlich!

Aber meine männlichen Kameraden sind auch nicht alle „gleich“.

Bin ich emotionaler als manche Kameraden? Nein! Denn sie alle wissen, wie emotional selbst der härteste SeeMANN fern der Heimat und seiner Lieben nach ein paar Bier werden kann.

Weine ich ganz mädchenhaft an Bord? Ja! Aber mit ein bisschen Erfahrung weiß man, dass Frauen ihren Stress anders verarbeiten und deshalb nicht weniger hart sein können.

An Bord meines Bootes gibt es mehrere Frauen – glauben Sie nicht, dass wir untereinander ein spezielles Verhältnis hätten. Es geht genauso professionell zu, wie bei einer „Männerbesatzung“.

Und da eine Besatzung, vor allem bei langen Seefahrten, wie eine Ersatzfamilie wird, sind diese – genau wie Familien – nie perfekt. Wichtig ist nur, dass alles perfekt funktioniert, wenn es drauf ankommt.

Letztes Jahr hatte ich das große Glück, an einem der Ständigen Minenabwehrverbände der NATO im Mittelmeer teilnehmen zu dürfen.

Wo man zusammen arbeitet, da lernt man sich auch lieben (das weiß ich aus eigener Erfahrung). So hatte ich gleich zwei Pärchen an Bord. Eines davon verbrachte von Anfang an viel Zeit miteinander, „gluckte“ auch auf See sehr viel zusammen. Oft hielt ich es für notwendig, mahnende Worte zu sprechen, dass die Beziehung den Dienstalltag nicht beeinflussen dürfe. Am Ende half leider alles nicht und die Beziehung wirkte sich negativ auf die Stimmung der ganzen Besatzung aus.

Ganz anders verhielt es sich mit dem anderen Paar. Sie behandelten die Beziehung professionell und unauffällig, gingen im Hafen zusammen, aber auch mit anderen, an Land. Inzwischen berichten sie, dass sich ihre Beziehung durch die gemeinsame Seefahrt, die natürlich nicht nur Höhen hatte, gefestigt hat.

Was möchte ich damit zum Ausdruck bringen? Ob Frauen und Männer an Bord professionell miteinander arbeiten können, ist eine Frage der Persönlichkeiten und Charaktere. Es liegt am Kommandanten oder Kapitän, gleiche Voraussetzungen für alle zu schaffen.

Wichtig aber ist: Wenn es darauf ankam, lief alles perfekt. Oft wurde ich während der Seefahrt mit unerwarteten Situationen konfrontiert. So erlitt mein Boot auf dem Weg ins Mittelmeer mitten in der Nacht bei schwerer See einen Maschinenschaden, der uns zwang, umgehend den nächsten Hafen anzulaufen. Im Rahmen des Maschinenschadens verletzte sich zusätzlich ein Soldat.

In dieser Situation hatte ich eine Besatzung, die, egal ob Mann oder Frau, daran arbeitete, dass wir trotz Maschinenschadens, trotz Seegangs und Dunkelheit, trotz unbekannten Hafens und einem Verletzten an Bord, sicher einlaufen konnten. Ich war als Kommandant nicht allein und darauf kommt es an.

Meine Herren und Damen, über eines gibt es bei allen – manchmal spitzfindigen -  Unterschieden also keinen Zweifel: Die hohe Professionalität, ob nun bei Frauen oder Männern, steht über allem – sie macht uns im gewissen Sinne „gleich“.

Wenn es bei uns an Bord brennt oder zu einem Schadensereignis kommt, sammelt sich ein Großteil der Besatzung auf dem sogenannten Gruppenstand. Von dort aus wird unsere kleine interne „Feuerwehr“ koordiniert und sie muss vor allem viele Geräte aufbauen und schweres Material bewegen. Eine Frau aus meiner Besatzung hat sich dabei immer besonders hervorgetan, was dazu führte, dass der Leiter des Gruppenstandes regelmäßig äußerte: „Die ist mein bester Mann!“ Mit dieser Aussage wird vor allem Respekt transportiert und Männer und Frauen werden intuitiv gleich bewertet.

Und wo wir gerade bei „gleich“ sind: Täuschen sie sich nicht – auch ich  werde seekrank. Ein Schicksal, das ich  - mal mehr und mal weniger fröhlich - mit Admiral Nelson teile.

Als Admiral konnte Nelson der Piratin Frau Shang nicht begegnen, da er in diesen Jahren nicht im fernen Osten war.

Wer weiß, wer gewonnen hätte. Denn:

„ Den jungen Damen in Kiang,

war Angst und Bange vor Frau Shang.

10 Jahre lang verfolgte sie,

des Kaisers Flotte, aber nie

ging sie in eine Falle,

darüber staunten alle.“

..... und Anne Bonny konnte er nicht begegnen, da sie mit 21 Jahren schon starb:

“Anne Bonny, Anne Bonny

Oh Bonny my honey!

Warst ne Lady ganz und gar,

Leuchtsignal und morning star.

O, johe – O, johe Herr Kapitän,

die war scheen,

wunderscheen.“

Eins aber ist sicher, das Auswahlkriterium „scheen“ oder „wunderscheen“, um erfolgreiche „Piratin“  oder „Kommandantin“ zu werden, war damals wie heute unerheblich.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!